#96 REINgehört-Special: Zukunftsforum Gebäudedienste 2024 - Dr. Christine Sasse
Shownotes
In dieser Episode von REINgehört ist Dr. Christine Sasse, Vorstand für Human Relations bei der Dr. Sasse AG in München. Es geht um die Zukunft der Gebäudereinigung, die Gewinnung von Mitarbeitenden, das Image der Branche und den Einsatz von Robotik.
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Max Herrmannsdörfer: Rhein gehört. Der Podcast für Reinigung und Hygiene. Hallo und herzlich willkommen bei dieser Ausgabe von Rhein Gehört. Ich bin Max Hermannsdörfer und heute gibt es für euch ein weiteres Interview vom Zukunftsforum Gebäudedienste aus November 2024. Bei mir im Interview war Dr. Christine Sasse, sie ist Vorstand für Human Relations bei der Dr. Sasse AG in München und wir haben uns über die Zukunft der Reinigungswelt unterhalten. Viel Spaß! Hallo Frau Dr. Sasse. Hallo, guten Tag, ich freue mich. Frau Dr. Sasse, Sie kommen gerade frisch aus einem Vortrag, den Sie gehalten haben. Es ging die Reinigungswelt 2034 mit der Frage dazu, das Ende unseres Geschäftsmodells. Was steckt denn hinter diesem Titel und hinter dem Vortrag? Ja, das ist natürlich eine provokante Fragestellung, aber ich wollte gerne mal unsere Branche hier ein bisschen aufrütteln und die Themen, die wir im Moment natürlich alle in der Branche spüren, Arbeitskräftemangel. an teasern, aufnehmen und vor allen Dingen auch über Lösungsmodelle gemeinsam nachdenken, wie wir in so einem personalintensiven Geschäft wie dem Gebäudereinigerhandwerk auch noch in zehn Jahren unser Geschäftsmodell umsetzen können. Jetzt ist die Dr. Sasse AG mit knapp 9000 Mitarbeitenden international tätig. Sie haben Mitarbeitende aus 109 Ländern. Das heißt, Sie wissen ja, wie Mitarbeitende gewonnen werden können, wie sie in den Arbeitsmarkt können. Wie ist es angesichts dieser Unternehmensgröße? Wie blicken Sie da aufs Thema Mitarbeitergewinnung? Ja gut, die meisten dieser Mitarbeitenden sind ja schon vor vielen, vielen Jahren hier nach Deutschland zu uns geströmt. Es hat in den 80er Jahren begonnen, die ersten Flüchtlingswellen aus den Krisengebieten dieser Zeit, Iran, Irak, Kosovo, Afghanistan.
Max Herrmannsdörfer: haben sich ja hier in Deutschland seit dieser Zeit gut integriert und sind angesiedelt hier mit ihren Familien. Und diese große Anzahl von Menschen hat natürlich auch dazu geführt, dass wir diesen großen Mitarbeiterstamm hier schon realisieren können. Aber in letzten Jahren ist natürlich die zunehmende Herausforderung, dass wir in der Branche insgesamt nicht mehr den Zulauf haben, den wir vielleicht noch in den 2000er Jahren hatten. Die Branche ist nicht unbedingt so attraktiv, wird nicht als so attraktiv wahrgenommen, wie sie es eigentlich ist. Und viele der Menschen, die heutzutage als Geflüchtete hierher kommen oder auch, wenn wir uns bemühen, eine aktive Fachkräftezuwanderung in unser Gewerk zu realisieren, müssen wir feststellen, dass wir da an große Hürden einfach stoßen. Okay, dann gehen wir doch mal konkret auf diese Hürden ein und vielleicht können Sie da auch aus Ihren eigenen Erfahrungen erzählen. Sie haben ja Projekte gemacht, zum Beispiel mit Geflüchteten aus Syrien. Sie haben versucht, Fachkräfte und Ausbildende aus osteuropäischen Staaten zu gewinnen. Was sind da Ihre Erfahrungen? Es fehlt, glaube ich, nie an der Motivation der Menschen hier vor Ort, die diese neuen Kolleginnen und Kollegen wirklich offen aufnehmen möchten. Es fehlt auch nicht an der Bereitschaft der Unternehmen, auch unseres Unternehmens nicht, zu tun, Deutschkurse oder einfach zu ermöglichen und den Eintritt in die Arbeitswelt hier gut zu begleiten, die Menschen wirklich zu integrieren. Ich stelle nur fest, dass wir bürokratische Hürden haben, die oft diesen Eingliederungsprozess einfach verlangsamen. Wenn ich also mir zum Beispiel das Thema Westbalkan ansehe, wo die Menschen darauf warten, Arbeitsplatz in Deutschland einzunehmen und wir darauf warten, dass sie kommen. Und dann ist die Bürokratie dazwischen, wo wir wochenlang, monatelang warten müssen, irgendwelche Formalierarbeitsunterlagen ausgehändigt zu bekommen. Und das ist nur ein kleines Beispiel. Wenn die Menschen dann hier sind, sprachen sie vorhin das Thema mit Syrien an.
Max Herrmannsdörfer: Wir hatten ein größeres Projekt gestartet, Elektriker zu qualifizieren und hatten uns da viel Mühe gegeben, auch eben mit Deutschkursen und Integration. Und am Ende des Tages haben diese jungen Männer sehr schnell, nach einem guten Jahr, gemerkt, dass dieser harte Weg, Deutsch zu lernen, eine Ausbildung als Elektriker zu machen, nicht unbedingt notwendig ist, hier wirklich leben zu können. Sie haben... habe gemerkt, dass es falsche Anreize gibt, die unser Staat setzt, der sie unterhält, auch wenn sie nicht den harten Weg gehen. Und ich denke, das ist etwas, was wir verändern müssen, wo unser Staat die richtigen Anreize für Arbeit setzen muss, nicht dagegen. Das heißt, dass sich die Arbeit wieder mehr lohnen muss, dass man von seinem Gehalt sich was leisten können muss? Oder wie verstehe ich Sie? Das ist auch sicher ein Punkt für einige Zielgruppen, aber da reden wir dann über die Steuergesetze, auch gerade wenn wir von Teilzeitarbeit sprechen. Das ist für viele Frauen auch ein Hemmschuh, dass sie eben sich ausrechnen können, dass sie mit einem Vollzeitjob nicht wirklich mehr netto in der Tasche hätten, als wenn sie Teilzeitarbeiten. Nein, aber worauf ich mich gerade bezogen habe, ist mehr die Sozialhilfe. und auch bis hin zum Bürgergeld, dass das eben nicht immer richtig investiert wird, dass hier auch durchaus Menschen partizipieren können, die arbeiten könnten und da muss genauer hingeschaut werden, da muss genauer justiert werden. Okay, okay. Das heißt, Sie sehen da zum einen die Politik in der Pflicht, bzw. die richtigen Anreize zu setzen, einen Job anzunehmen. Was kann das Gebäudereinigerhandwerk Was kann diese ganze Branche tun, attraktiv zu werden? für zum Beispiel Geflüchtete, aber auch für Auszubildende aus dem Ausland, die in Deutschland ein neues Leben, in Anführungszeichen, jetzt mal ein neues Leben starten wollen? Ich denke, die Gebäudereinigerbranche ist nicht unattraktiv, aber sie wird in weiten Teilen unserer Bevölkerung und auch teilweise bei den jungen Menschen aus anderen Kulturkreisen als unattraktiv empfunden.
Max Herrmannsdörfer: Wenn ich mal bei den anderen Kulturkreisen bleibe, hatten wir gerade mit den Geflüchteten aus Syrien das Thema, dass ein syrischer Mann nicht reinigt. Das passt nicht zum kulturellen Verständnis. Ist dann schwierig, das zu ändern und dieses Mindset, sag ich mal, ändern? Den Mindset zu ändern. Und der Mindset ist eben genau auch der Punkt, der von vielen anderen hier in unserer Gesellschaft noch nicht richtig verstanden wurde, dass wir ein Gewerk sind, die Gebäudereinigung. überhaupt die Facility Services insgesamt, die einfach systemrelevant sind, die notwendig sind für das Funktionieren unserer Gesellschaft. Wenn ein Flughafen nicht gereinigt ist, wenn ein Büro, was ja so attraktiv sein muss, auch die jungen Mitarbeitenden heute wirklich, dass sie da einen hohen Nutzerkomfort haben, dass sie sich wohlfühlen können, wenn ich das alles nicht habe, nicht bieten kann als Arbeitgeber. dann habe ich ein großes Problem bei meinem eigenen Employer Branding. Also diese Dienstleistungen, die wir in unserer Branche erbringen, sind ganz, ganz wichtig für unsere Gesellschaft. Aber wir spüren das ganz häufig, dass wir sagen, na ja, wir wollen gerne Tagesreinigung einführen, damit auch mal alle sehen, was hier eigentlich geleistet wird. Dann hören wir ganz oft von Auftraggebern, ja, also wir möchten natürlich ein super gepflegtes Gebäude, aber sehen möchten wir die Menschen nicht, die diese Dienstleistung erbringen. Das ist ein schwieriges Feld. Also hart gesagt so ein Schlag ins Gesicht ein bisschen, oder? Also wenn man gesagt bekommt, wir wollen ihre Mitarbeitenden jetzt nicht in unserem Büro sehen, wir wollen aber, dass die Leistung da ist. Schwierig, schwieriges Umfeld. Ich meine, der Bundesentwicklungsverband macht da großartige Arbeit, weil er sich genau für dieses Thema auch einsetzt. Und ich denke, es findet im Moment schon ein Umdenken statt. Also es ist schon besser geworden als in noch vergangenen Jahren. Aber das ist, ich, ein ganz entscheidender Weg für die Attraktivität der Branche, dass wir auch überhaupt Menschen gewinnen können, die sagen, ich arbeite in dieser Branche, weil das nämlich heute geht, das ja für alle Menschen eigentlich die Sinnhaftigkeit, Purpose. Und wenn ich in der Gebäudereinigung immer im Dunkeln arbeiten muss und nicht gesehen werde, dann ist es schwierig diesen Menschen diesen Job attraktiv zu machen und den Purpose zu vermitteln. Wenn aber jemand gesehen wird und auch mal jemand ein Dankeschön bekommt.
Max Herrmannsdörfer: dann ist das was ganz anderes. Und da müssen wir als Gesellschaft hinkommen. Okay, also Image auf der einen Seite verbessern, bessere Rahmenbedingungen von politischer Seite setzen. Das sind wir mal zwei Faktoren. Ich würde noch auf den dritten eingehen, den Sie in Ihrem Vortrag erwähnt haben. Es geht Robotik und die Technik, die uns da unterstützen kann. Und Sie haben da einen Film abspielen lassen von humanoiden Robotern. Das war ein Film von Tesla, ich mich hier erinnere. wird es so die Zukunft aussehen, dass auch humanoidere Roboter reinigen können? Da bin ich ganz sicher. Ja, also wir haben ja nicht sehr viele Chancen. Wir haben viele Programme gestartet, viele Unternehmungen, Menschen in erster Linie für unser personalintensives Geschäft zu rekrutieren. Aber wenn uns die Menschen ausgehen, wenn es aufgrund des demografischen Wandels zu wenig Menschen gibt und wenn die, die es gibt, nicht unbedingt gerne in unserer Branche arbeiten möchten, dann müssen wir ja als Unternehmen überlegen, was wir als Plan B sozusagen haben. Und da sehen wir eben, dass die Roboter, die Entwicklung der Roboter, Humanoiden-Roboter sehr stark voranschreitet. Ich meine, das ist alles noch sehr utopisch, aber die Big Five arbeiten intensiv daran, Tesla auch. Und wenn wir uns überlegen, wo diese Einsatzmöglichkeiten für diese Roboter wären, dann ist es ja nicht nur die Reinigung, da haben wir die Pflege, da haben wir... ganz viele verschiedene Branchen in der Gastronomie und ich denke, man darf da nicht zu klein denken, sondern eher groß. Ich denke, in zehn Jahren werden wir auch in der Reinigung Kollegen haben, die humanoide Roboter sind. Einfach dieses Delta zu schließen, was wir durch Menschen nicht mehr ersetzen können. Irgendwie muss dieses Delta geschlossen werden. Es wird in Zukunft nicht weniger gereinigt werden müssen. Die Frage ist nur, wie dann gereinigt wird oder wer reinigt. Oder was? Ich musste bei diesem Video direkt an den Film denken aus den frühen 2000ern an iRobot. Ich weiß nicht, ob der Ihnen was sagt. ist mit Will Smith und ja, da geht es eigentlich darum, dass die Roboter irgendwann die Macht übernehmen. Wenn man jetzt so ein Video sieht, ich kann mir vorstellen, dass der ein oder andere darauf ein bisschen mit einem kritischen Blick guckt und sagt, muss das sein, dass Roboter wie Menschen funktionieren, wie Menschen aussehen?
Max Herrmannsdörfer: Ist das erstrebenswert? Ich denke, ist jetzt eine philosophische Frage. Ich würde es auch nicht unbedingt als erstrebenswert bezeichnen, aber ich denke, der Mensch ist einfach von seinem Bausatz her eine sehr intelligent geschaffene Kreatur. Wir haben eine Greiffunktion, wir können mit unseren Beinen Treppen gehen, Hindernisse überwinden und dass diese Roboter in der Funktionalität dem menschlichen Körperbau nachgeahmt werden. ist einfach logisch, weil die Reinigungsroboter, die wir zum Beispiel heute haben, die schon super gut jetzt sind, wenn ich mir das anschaue, wie die noch vor fünf Jahren waren, ist schon eine große Entwicklung eingetreten. Aber da haben wir eben genau noch dieses Hindernis, wir können Böden reinigen, aber wir können nicht in der Vertikale, wir können nicht Oberflächen reinigen. Wir haben die Schwierigkeiten, wie bringen wir sie über Stockwerke, wie können wir sie da transportieren? Also insofern denke ich, ist es sicher eine logische Konsequenz hier, den Menschen etwas nachzubauen. Aber ich meine, Horror-Szenarien, dass die Roboter die Macht übernehmen, das wollen wir uns alle nicht vorstellen. Ich denke schon, die Dienstleister müssen immer noch die sein, die diese Roboter-Mannschaft orchestrieren und einsetzen. Okay, dann Frau Doktor, du jetzt zum Abschluss, Reinigungswelt 2034. Wie wird sie aus Ihrer Sicht aussehen? Gut und rosig. Branche ist eine wichtige Branche. Sie wird immer Bestand haben und wir müssen nur genügend Fantasie entwickeln, wie wir diese wichtigen Dienstleistungen auch weiterhin erbringen können. Frau Dr. Sasse, dann vielen herzlichen Dank Ihnen und alles Gute. Vielen herzlichen Dank. Dieser Podcast ist eine Produktion der Handwerker Radio GmbH. Weitere Informationen findest du unter www.handwerker-radio.de
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